
De Verwoeste Stad: Rotterdams Mahnmal des Zweiten Weltkriegs
Eine sechs Meter hohe Bronzefigur schreit zum Himmel empor, mit einem klaffenden Loch dort, wo eigentlich ihr Herz sein sollte, ein schonungsloses Mahnmal für eine mittelalterliche Stadt, die binnen Minuten ausgelöscht wurde. Bekannt als De Verwoeste Stad (Die zerstörte Stadt), thront diese imposante Skulptur auf dem Plein 1940 am nördlichen Ende des Leuvehaven-Hafenbeckens. Das Kunstwerk wurde 2010 zum niederländischen Nationaldenkmal erklärt und fungiert wie ein historisches Scharnier zwischen dem modernen Geschäftszentrum und dem historischen Hafenviertel.
Ein Denkmal für eine verlorene Stadt
Nach den verheerenden Luftangriffen der deutschen Luftwaffe am 14. Mai 1940 lag fast der gesamte mittelalterliche Stadtkern von Rotterdam innerhalb weniger Minuten in Schutt und Asche. Statt die historische Architektur wieder aufzubauen, entschied sich die Stadt für einen radikal modernistischen, offenen Neuanfang. De Verwoeste Stad erinnert eindringlich an diesen kriegsbedingten Bruch. Heute gehört sie zu den bedeutendsten Kriegsdenkmälern der Niederlande und bildet das Zentrum der jährlichen Gedenkfeiern zum Totengedenktag am 4. Mai.
Die Vision von Ossip Zadkine
Das Denkmal ist das Werk des russischstämmigen französischen Bildhauers Ossip Zadkine. Die Idee dazu entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als Zadkine mit dem Zug durch die Niederlande reiste und aus dem Fenster auf das dem Erdboden gleichgemachte, karge Ödland im Zentrum Rotterdams blickte. Bis 1947 schuf er einen 70 Zentimeter großen Entwurf aus Terrakotta. Das Werk erregte in der Kunstwelt großes Aufsehen, sodass Gerrit van der Wal, Direktor des Kaufhauses De Bijenkorf, schließlich die Rechte für einen monumentalen Bronzeguss erwarb. Die Leitung von De Bijenkorf schenkte die Skulptur daraufhin der Stadt Rotterdam.
Unter verschiedenen Standortvorschlägen wählte Zadkine persönlich das Kopfende des Leuvehaven aus. Dieser Platz positionierte die Bronzefigur genau an der Schnittstelle zwischen der zerstörten Stadt, dem offenen Wasser und dem weiten Himmel der historischen Hafenbecken. Das am 15. Mai 1953 enthüllte Denkmal wird heute von Sculpture International Rotterdam betreut.
Form und Symbolik
Die dunkle, kubistisch inspirierte Bronzefigur windet sich empor, bäumt sich gegen einen stilisierten Baumstamm auf und reißt die Hände gen Himmel. Ihr prägendstes Merkmal ist die Leere, die sich komplett durch Brust und Torso zieht. Dieses klaffende Loch symbolisiert das zerstörte mittelalterliche Zentrum, das Herz Rotterdams. Der Mund der Statue ist zu einem expressiven Schrei aufgerissen und bildet einen dramatischen Kontrast zur Kulisse der modernen Hochhäuser und des Leuvehaven. Dank der offenen Struktur fällt das Licht ungehindert direkt durch den ausgehöhlten Torso.
Verborgene Kuriositäten
Während die Skulptur selbst eine tragische Geschichte erzählt, verbirgt ihr zwei Meter hoher, sich verjüngender Granitsockel ein überraschendes Detail. Berichten zufolge wurden die Blöcke aus Labrador-Granit während des Zweiten Weltkriegs ursprünglich für ein geplantes Denkmal für Adolf Hitler in Berlin gebrochen.
Die Menschen in Rotterdam begegnen dem düsteren Denkmal mit einer ganz eigenen, schnoddrigen Zuneigung und haben der Figur einige unverblümte Spitznamen verpasst. Im Volksmund heißt sie oft schlicht „Jan Gat“ (Jan Loch), „Stad zonder Hart“ (Stadt ohne Herz) oder „Jan met de Handjes“ (Jan mit den Händchen).
Wegen großer Infrastrukturprojekte, darunter der Bau eines U-Bahn-Tunnels und die Errichtung des benachbarten Maritiem Museum, musste die gewaltige Bronzestatue zweimal vorübergehend weichen. Erst 2006 kehrte sie endgültig auf ihren Sockel auf dem Plein 1940 zurück.
FAQ
Was symbolisiert das Loch in De Verwoeste Stad?
Die Leere in der Brust der Figur symbolisiert das zerstörte mittelalterliche Zentrum, das „Herz“ von Rotterdam, das nach den Luftangriffen der deutschen Luftwaffe am 14. Mai 1940 dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Wer hat die Skulptur De Verwoeste Stad geschaffen?
Das sechs Meter hohe Bronzedenkmal stammt von dem russischstämmigen französischen Bildhauer Ossip Zadkine. Inspiriert wurde er dazu kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als er das zerstörte Zentrum von Rotterdam aus einem Zugfenster sah.
Wo befindet sich De Verwoeste Stad?
Das Denkmal steht auf dem Plein 1940 am nördlichen Ende des Leuvehaven-Hafenbeckens, direkt neben dem Maritiem Museum im Zentrum von Rotterdam.
Hat die Statue lokale Spitznamen?
Ja, die Rotterdamer haben einige unverblümte, aber liebevolle Spitznamen für die Skulptur, darunter „Jan Gat“ (Jan Loch), „Stad zonder Hart“ (Stadt ohne Herz) und „Jan met de Handjes“ (Jan mit den Händchen).



