
Kijk-Kubus: Rotterdams gekippte Kubushäuser
Schau vom Platz nach oben: Diese gekippten gelben Kubushäuser thronen auf sechseckigen Pfeilern, ein radikales architektonisches Experiment von Piet Blom. Die Anlage an der Overblaak im Zentrum von Rotterdam ist als „Het Blaakse Bos“ bekannt, der Blaak-Wald. Der niederländische Strukturalist Piet Blom verstand jedes einzelne Haus als abstrakten Baum und die gesamte Siedlung als „Dorf in der Großstadt“.
Das Areal dient als wichtiges Scharnier für Fußgänger und verbindet die historische Uferpromenade am Oude Haven mit der modernen Markthal. Zwischen 1982 und 1984 erbaut, umfasst der Komplex 38 kleine Kubushäuser, größere „Super-Kuben“ und verschiedene Gewerbeflächen. Direkt daneben ragt ein weiteres Blom-Bauwerk aus derselben Epoche in die Höhe: „Het Potlood“, ein Wohnturm in Form eines frisch gespitzten Bleistifts.
Brückenschlag für die Stadt
Nach der fast vollständigen Zerstörung des Rotterdamer Stadtzentrums im Jahr 1940 verzichtete man bewusst auf eine traditionelle historische Rekonstruktion und setzte stattdessen auf modernistische Experimente. 1977 suchte die Stadtplanung nach einem Weg, eine vielbefahrene Verkehrsader zu überbrücken und das Viertel neu zu beleben, ohne dabei auf die üblichen grauen Hochhäuser zurückzugreifen.
Rotterdam beauftragte Blom daher mit dem Entwurf einer Fußgängerbrücke, die Wohnraum in der Höhe mit öffentlichem Raum zu ebener Erde verbindet, ganz nach seinem Prinzip des „Wohnens als urbanes Dach“. Dieses Konzept gekippter Pfahlbauten hatte Blom bereits in den 1970er-Jahren in Helmond erprobt. Der Rotterdamer Komplex schuf unter den Wohnungen eine verkehrsfreie Flaniermeile, in der sich heute kleine Läden und Cafés aneinanderreihen. Teile der größeren Kuben beherbergen mittlerweile das Stayokay Hostel Rotterdam.
Ein Blick in den Kijk-Kubus
Weil neugierige Touristen den Bewohnern buchstäblich durch die Fenster ins Wohnzimmer starrten, funktionierte ein Anwohner seine Einheit kurzerhand zur Museumswohnung „Kijk-Kubus“ (Schau-Kubus) um. Das Museum ist täglich geöffnet und gewährt Einblicke in dieses ungewöhnliche Wohngefühl, ohne das Privatleben der Nachbarn zu stören. Drinnen findest du maßgefertigte Möbel, Modelle und Infotafeln zu Bloms architektonischer Vision.
Jeder Holzkubus ist um 45 Grad gekippt und ruht auf einem sechseckigen Betonpfeiler, in dem sich Eingang und Treppenhaus befinden. Im Inneren neigen sich die Wände nach außen: Die untere Hälfte kippt nach unten zur Straße hin ab, während die oberen Deckenflächen steil über dem Kopf aufragen. Diese eigenwillige Geometrie sorgt bei vielen Besuchern im ersten Moment für ein Gefühl von Enge oder leichtem Schwindel.
Leben im 45-Grad-Winkel
Piet Blom gab den drei Ebenen im Inneren symbolische Namen. Die unterste Ebene, das straathuis (Straßenhaus), beherbergt Küche und Wohnzimmer. Das mittlere Geschoss, das hemelhuis (Himmelshaus), dient als Schlafbereich mit Bad. Die oberste Spitze schließlich, die loofhut (Laubhütte), ist ein dreiseitig verglaster Wintergarten mit Blick in den Himmel.
Der Alltag im Schräglagen-Kubus bringt ganz eigene Tücken mit sich. Trotz einer Grundfläche von rund 100 Quadratmetern lässt sich etwa ein Viertel der Bodenfläche nicht mit normalen Möbeln nutzen. Da die Wände in spitzen, flachen Winkeln auf den Boden treffen, braucht es dreieckige Spezialregale und maßgeschneiderte Schreinerarbeiten, um den Raum überhaupt bewohnbar zu machen.
FAQ
Warum wurden die Rotterdamer Kubushäuser gebaut?
1977 beauftragten Rotterdams Stadtplaner den Architekten Piet Blom mit dem Entwurf einer Fußgängerbrücke über eine vielbefahrene Verkehrsader nahe dem Alten Hafen. Ziel war es, Wohnraum in der Höhe mit öffentlichem Raum am Boden zu verbinden, ohne eine gewöhnliche Betonüberführung zu bauen.
Kann man die Kubushäuser von innen besichtigen?
Ja. Die meisten der 38 kleinen Kubushäuser sind zwar privat bewohnt, doch eines steht als Museumswohnung Kijk-Kubus für Besucher offen. Zudem wird ein Teil der größeren Kuben als Stayokay Hostel genutzt.
Wie ist der Kijk-Kubus im Inneren aufgeteilt?
Das Innere verteilt sich auf drei Ebenen: das straathuis (Straßenhaus) mit Küche und Wohnbereich, das hemelhuis (Himmelshaus) mit Schlafzimmern und Bad sowie die loofhut (Laubhütte), ein verglaster Wintergarten ganz oben. Wegen der 45-Grad-Schrägen lässt sich etwa ein Viertel der Bodenfläche nicht mit herkömmlichen Möbeln nutzen.



