
Casa del Rey Moro in Ronda: Geschichte und Wassermine
Direkt am nördlichen Klippenrand der Tajo-Schlucht an der Calle Cuesta de Santo Domingo gelegen, gehört La Casa del Rey Moro zu den geschichtsträchtigsten Ensembles ganz Rondas. Das Anwesen bildet ein dreiteiliges Monument: ein Adelspalast aus dem 18. Jahrhundert, terrassierte Hanggärten von 1912 und eine unterirdische islamische Wassermine aus dem 14. Jahrhundert. Seit 1943 als Nationaldenkmal geschützt und als Bien de Interés Cultural eingestuft, besetzt der Komplex eine strategische Schlüsselposition im Altstadtviertel La Ciudad und schlägt die Brücke zwischen der Hochebene, den Flussübergängen tief unten und den alten maurischen Bädern.
Trotz des klangvollen Namens, wörtlich das „Haus des Maurenkönigs“, hat hier nie ein islamischer Herrscher residiert. Der heutige Palast entstand erst Jahrhunderte nach der christlichen Rückeroberung der Stadt im Jahr 1485. Eine Fliesentafel aus glasierter Keramik an der Fassade zeigt zwar einen idealisierten maurischen Herrscher, doch die stammt erst aus dem 20. Jahrhundert und bediente schlicht die romantische Legende, die sich in den Köpfen reisender Träumer festgesetzt hatte.
Die unterirdische islamische Wassermine
Lange vor dem Wohnpalast dienten die schroffen Felswände unter dem Anwesen als unverzichtbare Festungsanlage. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, als Ronda ein unabhängiges muslimisches Fürstentum unter Prinz Abomelic war, machten sich Militäringenieure eine natürliche Felsspalte zunutze: Sie schlugen einen befestigten, verborgenen Schacht rund 60 Meter senkrecht in die Tiefe bis hinab zum Río Guadalevín.
Dieser vertikale Geheimgang, bekannt als La Mina de Agua, sicherte die städtische Wasserversorgung vor Belagerern. Im Felsinneren schlugen Steinmetze gewölbte Stollen, eine Waffenkammer und Podeste für ein mechanisches Schöpfwerk heraus. Die mörderische Plackerei, das Wasser nach oben zu schaffen, bürdete man angeketteten christlichen Gefangenen auf: Auf den glitschigen Stufen stehend, reichten sie schwere Wasserschläuche von Hand zu Hand hinauf in die Festung. Diese Schinderei brachte ein düsteres kastilisches Sprichwort hervor: „En Ronda se muere acarreando odres“ („In Ronda stirbt man beim Wasserschleppen“).
Die strategische Bedeutung der Mine besiegelte letztlich Rondas Schicksal während der Reconquista. Im Mai 1485 nahmen Truppen unter dem Marqués de Cádiz im Dienst der Katholischen Könige gezielt die versteckte Wasserstation ins Visier. Die christlichen Streitkräfte zerstörten das Hebewerk und schnitten die Wasserzufuhr ab, sodass Rondas Verteidiger binnen weniger Tage aufgeben mussten. Mit dieser Kapitulation war eines der letzten großen Hindernisse auf dem Weg zur Eroberung Granadas beseitigt.
Die Forestier-Gärten von 1912
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarb Trinidad von Scholtz-Hermensdorff, die Herzogin von Parcent, das Anwesen und begann mit einer umfassenden Wiederbelebung. Sie beauftragte den renommierten französischen Landschaftsarchitekten Jean-Claude Nicolas Forestier mit dem Entwurf eines terrassierten mediterranen Gartens an der Klippenkante. Die 1912 fertiggestellte Anlage war Forestiers erstes vollendetes Landschaftsprojekt in Spanien, kurz vor seiner gefeierten Arbeit am Parque de María Luisa in Sevilla.
Forestiers Entwurf verbindet die geometrische Strenge französischer Gartenkunst mit andalusisch-maurischen Traditionen. Auf den Terrassen ziehen sich gekachelte Wasserkanäle durch das Grün, umspielt vom Duft blühenden Jasmins. Die sonnendurchflutete Oase bildet einen scharfen sinnlichen Kontrast zur kalten, tropfenden Atmosphäre im Minenschacht, wo hallende Steingewölbe in die Tiefe zum tosenden Fluss führen.
Restaurierung und heutiger Zugang
Die Herzogin von Parcent ließ auch die verfallenen Treppen im Inneren der Mine befestigen und einen kleinen Holzsteg samt Uferpfad am Guadalevín anlegen. So schuf sie einen Weg zu einer abgelegenen Grotte auf Wasserhöhe, in der sie eine Marienstatue aufstellen ließ. Der Palast selbst wurde zur gleichen Zeit im Neo-Mudéjar-Stil umgestaltet.
Heute sind die Terrassengärten und die Wassermine täglich für Besucher geöffnet. Der Abstieg durch die Mine führt über rund 231 in den Fels gehauene Stufen und durch historische Kammern direkt hinunter zur Flussplattform auf dem Grund der Tajo-Schlucht. Wegen langwieriger Restaurierungsarbeiten bleibt das Innere des Adelspalastes aus dem 18. Jahrhundert weiterhin geschlossen.
FAQ
Hat je ein maurischer König in La Casa del Rey Moro gelebt?
Nein. Trotz des Namens hat hier nie ein islamischer Herrscher gewohnt. Der heutige Palast wurde erst im 18. Jahrhundert erbaut, Jahrhunderte nach der christlichen Eroberung Rondas im Jahr 1485. Das Kachelbild an der Fassade wurde erst im 20. Jahrhundert angebracht, um den volkstümlichen Spitznamen aufzugreifen.
Welche historische Bedeutung hat die Wassermine?
Die im 14. Jahrhundert unter Prinz Abomelic in die Klippen getriebene Mine reichte 60 Meter hinab zum Río Guadalevín, um Ronda bei Belagerungen mit Wasser zu versorgen. Im Jahr 1485 eroberten die Truppen der Katholischen Könige die Anlage und kappten die Wasserversorgung, was unmittelbar zur Kapitulation Rondas führte.
Kann man das Innere des Palastes besichtigen?
Das Innere des Palastes aus dem 18. Jahrhundert ist wegen laufender Restaurierungsarbeiten für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Forestier-Gärten und die unterirdische Wassermine mit ihren 231 Stufen stehen Besuchern jedoch täglich gegen Eintritt offen.




