
Zytglogge: Berns mittelalterlicher Uhrturm und sein stündliches Figurenspiel
Ein Schmied aus dem 16. Jahrhundert ohne jede Uhrmachererfahrung schmiedete ein Uhrwerk, das so robust ist, dass es noch heute den Takt von Bern angibt. An der Kreuzung von Marktgasse und Kramgasse ragt der Zytglogge auf, ein 54 Meter hoher mittelalterlicher Uhrturm, der die Nahtstelle markiert, an der Berns ältester Stadtkern in die mittelalterlichen Stadterweiterungen nach Westen übergeht. Mitten auf der zentralen Flaniermeile gelegen, bildet er das prägende historische Wahrzeichen im Herzen der UNESCO-geschützten Altstadt.
Ein Meisterwerk mittelalterlicher Ingenieurskunst
Das Herzstück des Zytglogge ist sein rein mechanisches Uhrwerk, erbaut zwischen 1527 und 1530. Als die vorherige Turmuhr ihren Dienst versagte, beauftragte der Berner Rat Kaspar Brunner damit, das gewaltige Eisenwerk neu zu konstruieren. Das Erstaunliche: Brunner hatte keinerlei formelle Ausbildung in der Uhrmacherei, sondern war Schlosser- und Schmiedemeister. Dennoch schuf er eines der komplexesten und langlebigsten spätmittelalterlichen Räderwerke Europas.
Bis heute wird die Uhr vollständig von Brunners Mechanismus aus dem Jahr 1530 angetrieben. Tag für Tag zieht ein beauftragter Werkmeister die schweren Steingewichte im Turm von Hand nach oben. Zu den späteren Ergänzungen zählt ein Pendel, das Pierre Angely 1686 installierte, mit einer echten Kanonenkugel als Pendelkörper. In der Steinkammer erzeugt das Räderwerk ein kontinuierliches, sattes Ticken und das rhythmische Klacken der Zahnräder.
Das stündliche Figurenspiel
Rund vier Minuten vor jeder vollen Stunde beginnt für die Schaulustigen unten das mechanische Schauspiel. Den Auftakt macht ein vergoldeter Automatenhahn, der mit den Flügeln schlägt und, angetrieben von winzigen Blasebälgen, kräht. Ein sitzender Narr schlägt daraufhin seine Glocken und strampelt mit den Beinen, gefolgt von einer Karussell-Prozession bewaffneter Bären, dem Wappentier Berns, die um den Sockel marschieren.
Über ihnen dreht Chronos, der Gott der Zeit, sein Stundenglas und öffnet im Takt der Glockenschläge den Mund, während ein Löwe daneben nickt. Das Schauspiel gipfelt im Auftritt einer lebensgroßen, vergoldeten Figur namens Hans von Thann, der die 1,4 Tonnen schwere Stundenglocke aus Bronze schlägt. Gegossen im Jahr 1405, hallen die tiefen, satten Schläge dieser massiven Glocke weit durch die Lauben der Straßenschlucht.
Vom Wehrtor zum Zeitmesser
Ursprünglich wurde der Zytglogge für einen ganz anderen Zweck erbaut. Errichtet um 1218 bis 1220 unter den Zähringern, diente der Turm zunächst als westliches Wehrtor und Wachposten. Als Bern weiter nach Westen expandierte, verlor der Turm seine Schutzfunktion und wurde zwischenzeitlich als städtisches Gefängnis genutzt.
Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1405 baute man den Steinbau zum städtischen Uhrturm und Brandwachturm um, um Feuer frühzeitig zu erkennen und die offizielle Zeit der Stadt festzulegen. Seine heutige spätbarocke Außenfassade entstand bei späteren Umbauten im 17. und 18. Jahrhundert. Heute ist der Turm ein historisches Denkmal: Bei Führungen durch das Innere kannst du über 130 Stufen hinaufsteigen und das Ineinandergreifen der Zahnräder und Automatenhebel in voller Aktion erleben.
Verborgene astronomische Details
An der Ostfassade des Zytglogge befindet sich ein kunstvolles Astrolabium-Zifferblatt. Es fungiert als 24-Stunden-Uhr und zeigt zugleich Tierkreiszeichen, Mondphasen und den julianischen Kalender an. Das Hauptzifferblatt besitzt nur einen einzigen Stundenzeiger mit einer goldenen Sonnenspitze in Form einer Schwurhand, ein Verweis auf Berns historischen Status als freie Reichsstadt.
Da der Kalendermechanismus aus dem 16. Jahrhundert keine Schalttage berücksichtigt, braucht er menschliche Hilfe, um präzise zu bleiben: Alle vier Jahre, am 29. Februar, muss der Datumszeiger des julianischen Kalenders von Hand umgestellt werden.
FAQ
Kann man den Zytglogge von innen besichtigen?
Ja, der Zytglogge ist ein historisches Denkmal und bietet Führungen durch das Turminnere an. Besucher können 130 Stufen hinaufsteigen und das Zusammenspiel der Zahnräder und Hebelmechanismen live in Aktion beobachten.
Wie wird die Uhr des Zytglogge angetrieben?
Die Uhr wird vollständig von ihrem originalen mechanischen Uhrwerk aus dem Jahr 1530 angetrieben. Sie wird täglich von einem bestellten Werkmeister von Hand aufgezogen, der die schweren Steingewichte im Turm nach oben zieht.
Wann findet das Figurenspiel am Zytglogge statt?
Das mechanische Figurenspiel mit krähendem Hahn, marschierenden Bären und Glockengeläut beginnt rund vier Minuten vor jeder vollen Stunde.



