
St.-Anna-Kirche: Luthers Augsburger Zuflucht von 1518
Geschichte der St.-Anna-Kirche
Die St.-Anna-Kirche steht direkt an der Annastraße mit Blick auf den Martin-Luther-Platz in Augsburg. 1321 als Klosterkirche der Karmeliten gegründet, entwickelte sich das Gotteshaus später zu einer zentralen Bühne europäischer Religionsgeschichte. Im Oktober 1518 kam Martin Luther während des Augsburger Reichstags bei den Karmeliten unter. Hinter den Klostermauern musste er sich dem Verhör durch den päpstlichen Gesandten Kardinal Thomas Cajetan stellen, der ihn aufforderte, seine 95 Thesen zu widerrufen. Luther dachte gar nicht daran. Aus Furcht vor einer Verhaftung floh er im Schutz der Nacht aus der Stadt, tatkräftig unterstützt von dem Karmeliten Christoph Langenmantel.
Nach Luthers spektakulärem Besuch öffnete sich das Kloster unter Prior Johannes Frosch der Reformation. 1534 löste sich die Klostergemeinschaft auf, und St. Anna stieg zu einer der ersten Hochburgen der lutherischen Reformation in Augsburg auf, bevor in den 1540er-Jahren der evangelische Gottesdienst offiziell eingeführt wurde. Während der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges wechselte die Kontrolle über die Kirche mehrfach zwischen katholischen und protestantischen Händen, zeitweise übernahmen sogar die Jesuiten die Leitung. Erst der Westfälische Friede von 1648 besiegelte St. Anna dauerhaft als evangelisch-lutherische Pfarrkirche. Später, am 31. Oktober 1999, wurde hier erneut Geschichte geschrieben: Vertreter der römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes unterzeichneten die historische Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre.




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Das Bauwerk spiegelt Jahrhunderte wechselnder Epochen wider. Zu seinen mittelalterlichen Wurzeln gehören der gotische Kreuzgang aus dem 14. Jahrhundert und die Goldschmiedekapelle, die 1420 von Afra Hirn gestiftet und später von der Goldschmiedezunft unterhalten wurde.
Zwischen 1747 und 1748 erlebte das Kirchenschiff eine glanzvolle Verwandlung im Stil des Spätbarock und Rokoko. Für die opulente Neugestaltung sorgten filigrane Stuckarbeiten von Franz Xaver und Johann Michael Feichtmayr, kombiniert mit Deckenfresken von Johann Georg Bergmüller. Von außen fällt sofort der markante Turm auf, der in einem ungewöhnlichen 45-Grad-Winkel zur Hauptachse des Gebäudes steht. Diese Drehung war eine raffinierte statische Lösung: Sie sollte verhindern, dass die schwere Last des Turms das darunterliegende Gewölbe eindrückt, ehe Baumeister Elias Holl ihn 1602 umgestaltete und erhöhte.
Die Fuggerkapelle und sakrale Kunst
Am westlichen Ende des Innenraums liegt die Fuggerkapelle, erbaut zwischen 1509 und 1512 und 1518 geweiht. Als Grabstätte für Jakob Fugger „den Reichen“ und seine Brüder Ulrich und Georg errichtet, gilt sie als einer der frühesten sakralen Renaissancebauten nördlich der Alpen. Das eigentliche Kuriosum: Obwohl St. Anna seit dem 16. Jahrhundert evangelisch ist, blieb die Fuggerkapelle kirchenrechtlich stets ein geweihter römisch-katholischer Raum. Statt sie hinter einem Eisengitter abzutrennen, öffnet sie sich direkt zum protestantischen Kirchenschiff hin, ein nahtloses konfessionelles Miteinander unter einem Dach.
Die Kirche birgt bedeutende Kunstwerke aus Renaissance und Reformation. Die Orgelflügel von 1512 in der Fuggerkapelle, gemalt von Jörg Breu dem Älteren, zeigen Szenen der Himmelfahrt Christi, in denen sich Porträts des Stifters Jakob Fugger, des Künstlers selbst und von Kaiser Maximilian I. verbergen. Im Ostchor wiederum blicken Martin Luther und Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen von Tafelbildern herab, die aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren stammen.
Museum Lutherstiege und heutige Nutzung
Heute ist St. Anna die evangelisch-lutherische Hauptpfarrkirche Augsburgs, in der sonntägliche Gottesdienste, Andachten und Konzerte geistlicher Musik stattfinden. Trittst du aus der geschäftigen Fußgängerzone der Annastraße durch das Portal, stehst du unvermittelt im Lutherhöfle, einem stillen, kreuzganggesäumten Innenhof, der die Hektik der Stadt sofort aussperrt.
In den historischen Konventsräumen und Treppenfluren des Klosters befindet sich das Museum Lutherstiege. Die interaktive Dauerausstellung zeichnet Luthers brisanten Schlagabtausch mit Kardinal Cajetan im Jahr 1518, seine anschließende Flucht bei Nacht und Nebel sowie die Geschichte der Reformation in Augsburg lebendig nach.
FAQ
Warum kam Martin Luther 1518 in der St.-Anna-Kirche unter?
Martin Luther kam im Oktober 1518 während des Augsburger Reichstags bei den Karmeliten in St. Anna unter. Dort verhörte ihn der päpstliche Gesandte Kardinal Thomas Cajetan. Luther weigerte sich beharrlich, seine 95 Thesen zu widerrufen, und floh schließlich im Schutz der Nacht aus der Stadt.
Was macht die Fuggerkapelle in St. Anna so einzigartig?
Erbaut zwischen 1509 und 1512 als Grablege für Jakob Fugger „den Reichen“ und seine Brüder, gilt sie als einer der frühesten sakralen Renaissancebauten nördlich der Alpen. Zudem ist sie bis heute ein kirchenrechtlich geweihter römisch-katholischer Raum, der sich völlig offen zum protestantischen Kirchenschiff hin zeigt.
Warum steht der Kirchturm in einem 45-Grad-Winkel?
Der Turm wurde in einem 45-Grad-Winkel zur Gebäudehauptachse errichtet, um als statischer Kniff zu verhindern, dass seine Last die Gewölbe der Kirche eindrückt. 1602 gestaltete Stadtbaumeister Elias Holl den Turm schließlich um und stockte ihn auf.
Was ist das Museum Lutherstiege?
In den historischen Konventsräumen und Treppenaufgängen von St. Anna untergebracht, ist das Museum Lutherstiege eine interaktive Dauerausstellung. Sie widmet sich Luthers Verhör im Jahr 1518, seiner nächtlichen Flucht und der Augsburger Reformationsgeschichte.


