
Altes Rathaus Regensburg: Sitz des Reichstags
Baugeschichte des Rathauskomplexes
Das Alte Rathaus von Regensburg erhebt sich weithin sichtbar zwischen Rathausplatz und Kohlenmarkt, mitten in der Fußgängerzone der historischen Altstadt. Als architektonisches Bindeglied zwischen dem geistlichen Bezirk um den Dom St. Peter und dem alten Handelsknotenpunkt an der Steinernen Brücke bildete das Ensemble über Jahrhunderte das weltliche, bürgerliche und richterliche Gegengewicht zu den Regensburger Fürstbischöfen.
Das städtische Gebäudeensemble wuchs über mehrere Epochen heran, woraus seine markante dreiteilige Gestalt entstand. Sein ältester Teil umfasst den achtgeschossigen, 55 Meter hohen romanisch-gotischen Ratsturm samt angrenzendem Palasflügel aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Direkt daneben schließt sich der gotische Reichssaalbau an, errichtet zwischen 1320 und 1330. Sein spätgotisches Portal wird von zwei Steinwächtern aus dem 15. Jahrhundert bewacht, die man traditionell als „Schutz und Trutz“ kennt. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1706, der den mittelalterlichen Marktturm zerstörte, ergänzte die Stadt den Komplex um einen prachtvollen, leuchtend gelben Barockflügel entlang des Kohlenmarkts.
Der Immerwährende Reichstag (1663 bis 1806)
Nachdem Kaiser Friedrich II. Regensburg 1245 zur Freien Reichsstadt erhoben hatte, errichtete der Stadtrat das Rathaus als stolzes Denkmal bürgerlicher Freiheit. Ursprünglich waren die Reichstage des Heiligen Römischen Reiches als wandernde Versammlungen organisiert, die ganz nach Laune und Bedarf des Kaisers an wechselnden Orten zusammentraten. Ab 1594 entwickelte sich Regensburg jedoch zum bevorzugten Schauplatz des Geschehens.
Im Jahr 1663 trat im Reichssaal eine Versammlung zusammen, um die militärischen und finanziellen Folgen des Dreißigjährigen Krieges zu bewältigen. Weil sich die territorialen Streitigkeiten und diplomatischen Verwicklungen aber schlicht nie auflösen ließen, ging das Treffen formal niemals zu Ende. Aus der Tagung entstand der Immerwährende Reichstag, und das Regensburger Rathaus wurde zum ersten ständigen Parlament Europas. Da die Kaiser persönlich kaum je anwesend waren, vertraten kaiserliche Prinzipalkommissare die Krone an der Seite fest residierender Gesandter der Kurfürsten, Fürsten und Reichsstädte. So fungierte Regensburg dauerhaft als diplomatische Drehscheibe des Reiches, bis Kaiser Franz II. im August 1806 abdankte und das Heilige Römische Reich offiziell auflöste.
Sprachliche Ursprünge und historische Kuriositäten
Das penible Zeremoniell und das Mobiliar des Immerwährenden Reichstags brachten mehrere deutsche Redewendungen hervor, die wir bis heute täglich verwenden. Die Wendung „etwas auf die lange Bank schieben“ geht auf die tatsächlichen Holzbänke und Registraturtruhen in den Ratsstuben zurück, auf denen unerledigte Akten landeten und liegenblieben. Ganz ähnlich verhält es sich mit Entscheidungen, die „am grünen Tisch“ fallen: Sie verdanken ihren Namen dem grünen Samt, mit dem die Tische des Kurfürstenrats bezogen waren. Und wer „am Katzentisch sitzt“, teilt das Schicksal der rangniederen Gesandten, die an kleinen Nebentischen ausharren mussten.
Das Gebäude birgt noch weitere überraschende Kapitel der Stadtgeschichte. Der monumentale Reichssaal, in dem fast anderthalb Jahrhunderte lang die Fäden europäischer Macht zusammenliefen, wurde in den 1320er Jahren ursprünglich als Tanzsaal für die Regensburger Oberschicht konzipiert. Während des Reichstags von 1546 lernte Kaiser Karl V. in der Stadt die Bürgerstochter Barbara Blomberg kennen. Ihr gemeinsamer Sohn, Don Juan de Austria, befehligte später die Flotte, die 1571 die Seeschlacht von Lepanto gewann. Jahrhunderte später, im Juni 1942, ließen die Stadtväter die Portalfiguren von Schutz und Trutz eilig einmauern, um sie vor alliierten Fliegerbomben zu schützen. Erst nach Kriegsende kamen die beiden Steinwächter wieder ans Tageslicht.
Unterirdische Justiz: Die Fragstatt
Tief unter den herrschaftlichen Ratssälen und diplomatischen Empfangsräumen offenbart sich ein finsteres Stück Rechtsgeschichte: die Fragstatt. Dieses vollständig erhaltene mittelalterliche Kellergewölbe umfasst eine Verhörstube, eine Folterkammer und düstere Arrestzellen. Mit seiner originalen Raumaufteilung und den eisernen Folterwerkzeugen zeigt es schonungslos die Praxis der peinlichen Befragung, die einst untrennbar zur richterlichen Gewalt des Stadtrats gehörte.
Das Museum document Reichstag besuchen
Bis heute dient das Alte Rathaus als repräsentativer Schauplatz für offizielle Empfänge der Stadtspitze, Festakte und Konzerte, während die reguläre Stadtverwaltung längst im Neuen Rathaus am Dachauplatz untergebracht ist. Im Erdgeschoss am Rathausplatz 4 empfängt dich die offizielle Regensburger Tourist-Information.
Die historischen Prunkräume und die Kellergewölbe bilden zusammen das Museum document Reichstag. Den Reichssaal, die Beratungszimmer der Gesandten und die unterirdische Fragstatt kannst du ausschließlich im Rahmen täglicher Führungen besichtigen, die auf Deutsch und Englisch angeboten werden.
FAQ
Kann man die historischen Räume des Alten Rathauses ohne Führung besichtigen?
Nein. Der Reichssaal, die Beratungszimmer der Gesandten und die unterirdische Fragstatt sind ausschließlich über tägliche Führungen auf Deutsch und Englisch zugänglich.
Warum wurde der Reichstag „immerwährend“ genannt?
Die 1663 einberufene Versammlung zur Bewältigung der Folgen des Dreißigjährigen Krieges verstrickte sich in endlosen diplomatischen Debatten und ging förmlich nie zu Ende. So tagte sie ununterbrochen weiter, bis sich das Reich 1806 auflöste.
Welche Redewendungen haben ihren Ursprung im Alten Rathaus?
Gleich mehrere bekannte Redensarten gehen auf den Immerwährenden Reichstag zurück: „etwas auf die lange Bank schieben“ (die Holzbänke für ungelöste Akten), „am grünen Tisch entscheiden“ (die samtenen Beratungstische der Kurfürsten) und „am Katzentisch sitzen“.
Was ist die Fragstatt im Alten Rathaus?
Die Fragstatt ist eine vollständig erhaltene mittelalterliche Gerichts- und Folterstätte im Untergeschoss des Rathauses mit Verhörraum, Folterkammer und originalen Gefängniszellen.
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