
Torrione Matilde di Canossa: Torturm von Tarquinia
Architektur und Verteidigungskunst
Mehr als 30 Meter ragt der Torrione Matilde di Canossa, auch als Torrione del Castello bekannt, über der westlichen Felskante von Tarquinia an der Via di Porta Castello auf. Der gewaltige zylindrische Torturm wurde aus gleichmäßigen Quadern aus lokalem Macco erbaut, einem warmen, weißlich-gelben Kalksandstein, der in der gesamten Region gebrochen wurde. Den oberen Rand des Turms prägen vorspringende Kragsteine, die einst erhöhte Wehrerker und Maschikulis trugen.
Der Turm verankert ein ausgeklügeltes militärisches Nadelöhr, historisch bekannt als la resechata, der Einschnitt oder die Abriegelung. Statt eines direkten Durchgangs riegelt ein versetztes Bajonettsystem den Zugang ab, flankiert von Wehrmauern und einem viereckigen Turm. Angreifer wurden so durch scharfe, unübersichtliche 90-Grad-Winkel in eine schmale Gasse gezwungen. Das bremste jeden Sturmlauf gnadenlos aus und machte den Einsatz von Rammböcken gegen das Innentor schlicht unmöglich. Gleich hinter diesem Engpass ragt ein stattlicher Adelsturm 43 bis 45 Meter empor, der höchste erhaltene mittelalterliche Turm Tarquinias.
Die Vitelleschi-Festung und La Resechata
Auch wenn die Legende das Bauwerk gern in frühere Zeiten versetzt: Archivdokumente belegen, dass die erhaltene Rundbastion samt integrierter Toranlage erst zwischen 1436 und 1439 entstand. Auftraggeber war der päpstliche Feldherr Kardinal Giovanni Vitelleschi, der Corneto, den historischen Namen von Tarquinia, während einer Phase grundlegender städtebaulicher Umgestaltung regierte.
Kardinal Vitelleschi konzipierte la resechata allerdings nicht gegen äußere Feinde, sondern zur Verteidigung nach innen. Der Komplex sollte vor allem das ältere, entvölkerte Burgviertel vom aufstrebenden Stadtzentrum abriegeln. Bis heute markiert das Bauwerk die Trennlinie zwischen den dichten mittelalterlichen Gassen im Zentrum Tarquinias und dem Castrum Corgnetum, jener frühen Felsnasensiedlung, die nach dem Niedergang der antiken etruskisch-römischen Stadt entstand.
Die Legende um Gräfin Mathilde
Der volkstümliche Name des Turms verweist auf Gräfin Mathilde von Tuszien, unter deren Herrschaft Corneto um 1080 fiel. Frühmittelalterliche Quellen erwähnen einen längst verschwundenen Palast im Burgviertel, der mit ihrer Verwaltung verknüpft war und den die örtliche Überlieferung kurzerhand mit dem erhaltenen Rundturm verschmolz.
Historisch ist das schlicht unmöglich: Gräfin Mathilde starb bereits 1115, gut dreihundert Jahre bevor Kardinal Vitelleschi das Torhaus im Zeitalter der Artillerie errichten ließ. Trotz dieser eklatanten Lücke hielt sich die romantische Verknüpfung mit der Herrscherin von Canossa über Jahrhunderte im Sprachgebrauch.
Heutiger Zugang und Panoramablick
Heute dient die Porta Castello als öffentlicher Durchgang für Fußgänger und verbindet das Stadtzentrum mit dem offenen Areal von Santa Maria in Castello. Wer durch den schmalen, schattigen, von hohen Mauern gesäumten Korridor der resechata unter dem wuchtigen Rundturm hindurchgeht, erlebt eine dramatische Öffnung: Plötzlich liegt das weite Felsplateau vor einem, mit weitem Panoramablick über das Tal des Flusses Marta.
Das Bauwerk wird heute als städtisches Denkmal gepflegt. Während das Tor selbst frei passierbar bleibt, ist der Zugang zu den oberen Wehranlagen und den erhöhten Wehrgängen mit Blick ins Tal nur im Rahmen von Führungen oder auf Anfrage beim Tourismusbüro von Tarquinia am Infopoint Barriera San Giusto möglich.
FAQ
Wann wurde der Torrione Matilde di Canossa erbaut?
Archivdokumente belegen, dass der erhaltene Rundturm samt Toranlage zwischen 1436 und 1439 unter Kardinal Giovanni Vitelleschi errichtet wurde.
Warum ist der Turm nach Mathilde von Canossa benannt?
Der Name geht auf eine lokale Überlieferung zurück, nach der Corneto um 1080 Gräfin Mathilde von Tuszien unterstand. Allerdings starb Mathilde bereits 1115, mehr als 300 Jahre vor dem Bau des heutigen Turms.
Welchen Zweck hatte der versetzte Bajonetteingang?
Die versetzte Bajonett-Konstruktion zwang Angreifer zwischen hohen Steinmauern in scharfe, unübersichtliche 90-Grad-Kurven. Das nahm jedem Ansturm den Schwung und machte den Einsatz von Rammböcken unmöglich.
Können der Turm und die Wehrgänge besichtigt werden?
Das Tor dient als öffentlicher Fußweg. Der Zugang zu den oberen Wehranlagen und den Wehrgängen mit Talblick ist über reguläre oder private Führungen beim Tourismusbüro von Tarquinia möglich.




