
Piazza del Gesù: Historischer mittelalterlicher Platz in Viterbo
Das historische Herz des mittelalterlichen Viterbo
Die Piazza del Gesù, früher auch als Piazza del Mercato oder Piazza San Silvestro bekannt, ist ein unregelmäßig geschnittener Platz im historischen Zentrum Viterbos. Im frühen Mittelalter schlug hier das wirtschaftliche und administrative Herz der Stadt: Neben dem quirligen Hauptmarkt thronte der Palazzo del Comune, der ursprüngliche Sitz der Stadtverwaltung. Von hier aus wurden die Geschicke Viterbos gelenkt, bis die weltliche Macht um 1270 auf die nahegelegene Piazza del Plebiscito abwanderte.
Heute bildet der Platz eine zentrale Nahtstelle im historischen Stadtgefüge: Er verbindet die Piazza del Plebiscito mit dem mittelalterlichen Viertel San Pellegrino und dem päpstlichen Palastkomplex auf dem Colle del Duomo.
Architektonische Wahrzeichen des Platzes
Geprägt wird der Platz vom dunkelgrauen Peperin, dem charakteristischen vulkanischen Tuffstein der Region. Eine Flanke dominiert die Chiesa di San Silvestro, auch als Chiesa del Gesù bekannt. Die kleine romanische Kirche, urkundlich bereits 1080 erwähnt, besticht durch eine schlichte Peperin-Fassade, gekrönt von einem offenen Glockengiebel (campanile a vela).
Gegenüber der Kirche erhebt sich der Torre del Borgognone, ein markanter Steinturm aus dem 13. Jahrhundert, der auf den Grundmauern des einstigen Rathauses errichtet wurde. Einer lokalen Überlieferung nach diente ein eingemeißelter Fußabdruck an seinem Sockel den Markthändlern als verbindliches Eichmaß für ihre Waren.
In der Platzmitte plätschert ein mehrstufiger Steinbrunnen, den Giovanni Pizzichetti 1915 schuf. Er setzte ihn aus Spolien zusammen, geborgenen Architekturfragmenten des ehemaligen Klosters San Domenico. Das Rauschen des Wassers hallt seither stimmungsvoll von den umstehenden Steinfassaden wider.
Das Konklave-Attentat von 1271
Zwischen 1268 und 1271 war Viterbo Schauplatz des längsten Konklaves der katholischen Kirchengeschichte. Die quälend lange politische Hängepartie lockte zahlreiche europäische Würdenträger in die Stadt, darunter Prinz Heinrich von Almain (Heinrich von Cornwall), Neffe des englischen Königs Heinrich III. und Cousin von Eduard I.
Am 13. März 1271 wohnte Heinrich einer Messe in der Kirche San Silvestro bei, als ihn seine Cousins Guy und Simon de Montfort der Jüngere überrumpelten. Ihr Motiv war rohe Blutrache: Ihr Vater, Simon de Montfort, Earl of Leicester, war 1265 in der Schlacht von Evesham gefallen und verstümmelt worden. Ausgerechnet im heiligsten Moment der Messe, bei der Wandlung, klammerte sich Heinrich verzweifelt an den Altar. Doch Guy de Montfort schlug ihm kurzerhand die Hand ab und durchbohrte ihn mit dem Schwert. Zwei Geistliche, die den Prinzen schützen wollten, wurden getötet oder tödlich verwundet. Die Mörder schleiften Heinrichs Leiche noch auf die Kirchentreppe, bevor sie ungehindert in die Toskana entkamen.
Nach der Bluttat wurde der Leichnam des Prinzen nach mittelalterlichem Brauch dem mos teutonicus unterzogen, der sogenannten Entfleischung. Fleisch und Eingeweide wurden an Ort und Stelle in Viterbo beigesetzt, seine Gebeine überführte man in die Hailes Abbey nach Gloucestershire, und sein Herz fand die letzte Ruhe in einem Reliquiar in London.
Nachhall in der Kultur und Dantes Inferno
Der dreiste Frevel eines Attentats im geweihten Raum und mitten im Gottesdienst erschütterte ganz Europa. Dante Alighieri zeigte sich von diesem Verbrechen so entsetzt, dass er Guy de Montfort im zwölften Gesang des Inferno zu ewigen Qualen verurteilte. Im siebten Höllenkreis watet Montfort bis zum Hals im Phlegethon, einem Fluss aus kochendem Blut, vollkommen isoliert und selbst von den anderen Mördern gemieden.
Heutige Atmosphäre
Heute ist die Piazza del Gesù eine lebendige Fußgängerzone, gesäumt von Straßencafés und Restaurantterrassen. Tägliche Marktstände halten die uralte Handelstradition des Platzes wach, während die mittelalterlichen Nachbargebäude heute private Wohnungen und charmante Boutique-Unterkünfte beherbergen. Die mittlerweile profanierte Kirche San Silvestro, an deren bewegte Vergangenheit eine Gedenktafel erinnert, dient heute als Kulisse für Kulturveranstaltungen, Ausstellungen und Führungen.
FAQ
Welches bedeutende historische Ereignis trug sich auf der Piazza del Gesù zu?
Am 13. März 1271 wurde der englische Prinz Heinrich von Almain während des längsten Konklaves der Kirchengeschichte in der Kirche San Silvestro von seinen Cousins Guy und Simon de Montfort dem Jüngeren ermordet.
Woher stammt der Brunnen auf der Piazza del Gesù?
Der mehrstufige Steinbrunnen wurde 1915 von Giovanni Pizzichetti aus Spolien zusammengesetzt, die aus dem ehemaligen Kloster San Domenico stammten.
Warum wird das Attentat mit Dantes Inferno in Verbindung gebracht?
Dante Alighieri war über den frevelhaften Mord am Altar so erschüttert, dass er den Mörder Guy de Montfort im zwölften Gesang des Inferno in den siebten Höllenkreis verbannte und ihn im kochenden Fluss Phlegethon versinken ließ.
Welche Funktion hatte die Piazza del Gesù im Mittelalter?
Ursprünglich als Piazza del Mercato bekannt, diente der Platz als zentraler Markt und Verwaltungssitz Viterbos (Palazzo del Comune), bis die weltliche Macht um 1270 auf die Piazza del Plebiscito umzog.




