
Torre de las Cigüeñas: Der gekrönte Turm von Cáceres
Hoch über der Plaza de San Pablo, am höchsten Punkt der ummauerten Ciudad Monumental von Cáceres, sticht der Palacio de las Cigüeñas aus der mittelalterlichen Silhouette hervor. Dieser Festungspalast aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert, auch bekannt als Casa de los Cáceres-Ovando oder Palacio del Capitán Diego de Ovando, erhebt sich auf den Grundmauern des einstigen maurischen Alcázar. Sein 25 Meter hoher Wehrturm ist eine echte architektonische Anomalie: Er ist der einzige Adelsturm in ganz Cáceres, der seinen kompletten Zinnenkranz samt Kragsteinen behalten durfte.
Der königliche Erlass und die gestutzten Türme
Dass die Zinnen dieses Turms überlebten, verdankt er den politischen Turbulenzen des 15. Jahrhunderts. Während des Kastilischen Erbfolgekriegs (1475–1479) war der Adel von Cáceres tief zerstritten. Konkurrierende Clans schlugen sich entweder auf die Seite von Isabella I. von Kastilien oder auf die von Juana la Beltraneja. Nachdem Isabella sich den Thron gesichert hatte, machte sie kurzen Prozess mit der kriegerischen Eigenmächtigkeit der lokalen Aristokratie.
Bei ihren Besuchen in Cáceres in den Jahren 1476 und 1477 erließ Isabella die sogenannte desmoche, einen radikalen königlichen Erlass. Alle privaten Wehrtürme des Adels sollten ihrer Kronen beraubt und bis auf Höhe der Palastdächer gekappt werden. Hauptmann Diego Fernández de Cáceres y Ovando jedoch, ein königlicher Berater, hatte Isabella während des gesamten Konflikts unerschütterlich die Treue gehalten. 1480 gewährte sie ihm ein exklusives königliches Privileg: Er durfte seinen Palastturm ohne Höhenbegrenzung und mit vollem Zinnenschmuck errichten. In einem Stadtbild, in dem die Festungen seiner Rivalen regelrecht geköpft worden waren, thronte Ovandos unversehrter Turm als unübersehbares Machtmonument königlicher Gunst.
Wehrhafte Züge und weiße Störche
Aus massivem Bruchstein gemauert, wirkt der Palast von außen zurückhaltend, fast abweisend, geprägt von rein militärischen Wehrelementen. Ein Rundbogenportal bildet den Eingang, darüber prangen die Wappen der Familien Ovando und Mogollón. Im Obergeschoss öffnen sich spitzbogige Hufeisen-Zwillingsfenster (bíforas), während sich im Inneren alles um einen spätgotischen Innenhof gruppiert.
Auch wenn er offiziell Casa de los Cáceres-Ovando heißt, gaben ihm die Einheimischen schnell einen viel charmanteren Spitznamen: Palacio de las Cigüeñas, der Palast der Störche. Da er als einziger Adelsturm seine hohen, ungestutzten Zinnen behalten durfte, wurden seine Wehrmauern zum absoluten Lieblingsnistplatz der regionalen Weißstörche. Bis heute ist das rhythmische Schnabelklappern (crotoreo) der nistenden Störche die unverkennbare Klangkulisse, die über die Plaza de San Pablo weht.
Heutige militärische und kulturelle Rolle
Mitte des 20. Jahrhunderts übernahm das spanische Verteidigungsministerium das Gebäude und richtete hier den Sitz der Comandancia Militar de Cáceres ein. Doch neben dem militärischen Verwaltungsalltag steht der Komplex heute zu großen Teilen dem kulturellen Erbe offen.
Der Palast beherbergt ein Militärmuseum mit historischen Waffen und Exponaten, die als Leihgaben aus dem Museo del Ejército stammen, ergänzt durch Räume für Wechselausstellungen. Auch der 25 Meter hohe Turm lässt sich besteigen und belohnt mit einem 360-Grad-Panoramablick über die historische Altstadt, direkt neben der Kirche San Mateo und dem Palacio de las Veletas.
FAQ
Warum ist der Turm des Palacio de las Cigüeñas in Cáceres so einzigartig?
Er ist der einzige Adelsturm in Cáceres, der seine ursprünglichen Zinnen behalten hat. Nach dem Kastilischen Erbfolgekrieg ließ Königin Isabella alle Wehrtürme der rivalisierenden Adelsfamilien kappen, um deren Machtkämpfe zu ersticken. Einzig Hauptmann Diego de Ovando blieb wegen seiner Treue von diesem Befehl verschont.
Wie kam der Palast zu seinem Namen Palacio de las Cigüeñas?
Den Namen, der übersetzt „Palast der Störche“ bedeutet, verdankt das Bauwerk den Einheimischen. Auf den hohen, ungestutzten Zinnen des Turms fanden die Weißstörche der Stadt ihren idealen Nistplatz.
Wie wird das Gebäude heute genutzt?
Der Palast gehört dem spanischen Verteidigungsministerium, dient als Sitz der Comandancia Militar de Cáceres und beherbergt ein Militärmuseum mit historischen Waffen und Leihgaben aus dem Museo del Ejército.




