
Die Corpus Clock: Cambridges kinetisches Zeitkunstwerk
Idee und Schöpfung des Chronophagen
Die Corpus Clock, umgangssprachlich auch als Chronophage („Zeitfresser“) bekannt, ist eine kinetische Skulptur und Uhr an der Außenwand der Taylor Library des Corpus Christi College. An der Ecke Trumpington Street und Bene't Street in Cambridge gelegen, blickt das Kunstwerk direkt auf ehrwürdige Universitätsbauten, nur wenige Schritte vom angelsächsischen Turm der Kirche St Bene't's entfernt.
Erdacht, entworfen und finanziert wurde das Projekt von dem Erfinder und Uhrmacher Dr. John C. Taylor OBE. Taylor verdankte sein Vermögen der Erfindung des Bimetallschalters, der moderne Wasserkocher automatisch abschaltet, und steckte rund eine Million Pfund in das Werk. Der Bau dauerte fünf Jahre und beschäftigte über 200 Fachleute, darunter der Bildhauer Matthew Sanderson und das Cambridger Ingenieurbüro Huxley Bertram.
Die Heuschreckenhemmung und die Kunst der Zeitmessung
Oben auf dem Zifferblatt thront der Chronophage, eine von Matthew Sanderson geschaffene, bedrohliche Insektenkreatur. Die Bestie ist eine Hommage an den Uhrmacher John Harrison aus dem 18. Jahrhundert, der die sogenannte Heuschreckenhemmung erfand. Taylor holte diesen Mechanismus, der sonst im Inneren verborgen liegt, nach außen und schuf so die weltweit größte funktionierende Heuschreckenhemmung. Dreht sich das Hemmungsrad, marschiert der Chronophage vorwärts, schnappt mit den Kiefern und blinzelt mit beweglichen Augenlidern, ein Wesen, das Sekunde für Sekunde vor unseren Augen verschlingt.
Anders als gewöhnliche Uhren kommt die Corpus Clock ganz ohne Zeiger und Ziffern aus. Ihr anderthalb Meter breites Zifferblatt ist eine gewellte, mit 24-karätigem Gold überzogene Scheibe. Drei konzentrische Ringe aus lasergeschnittenen Schlitzen pulsieren im Licht blauer LEDs, um Stunden, Minuten und Sekunden anzuzeigen. Die wellenförmige Struktur der Scheibe entstand durch Sprengumformung: In einer militärischen Versuchsanstalt in den Niederlanden trieben Unterwasserdetonationen ein Edelstahlblech in eine Form.
Mathematisch exakt geht das Uhrwerk nur alle fünf Minuten. In den Pausen dazwischen verlangsamt es sich ganz bewusst, stockt oder eilt voraus, ein Sinnbild dafür, wie subjektiv wir Menschen das Vergehen der Zeit empfinden.
Symbolik und makabre Details
Nicht nur optisch zieht die Corpus Clock in den Bann: Sie erzeugt ein unregelmäßiges, mechanisches Klicken und Knirschen. Zur vollen Stunde ertönt kein Glockenspiel, sondern das Rasseln einer Kette, die im Inneren der Uhr in einen winzigen Holzsarg fällt. Unter dem Zifferblatt prangt ein lateinisches Zitat aus dem 1. Johannesbrief (2,17) der Vulgata: mundus transit et concupiscentia eius, „Die Welt vergeht und ihre Lust“.
Enthüllung, Erhalt und Gegenwart
Offiziell in Gang gesetzt und enthüllt wurde das Werk am 19. September 2008 von Physiker Professor Stephen Hawking, eine passende Verbeugung vor Cambridges Tradition in Kosmologie und theoretischer Physik.
Im März 2023 musste die Uhr vorübergehend abgebaut und restauriert werden, nachdem ein Mann das Schutzglas mit einem Hammer attackiert und beschädigt hatte. Nach aufwendigen Reparaturen kehrte sie im Juni 2023 an ihren Platz zurück. Sie ist weiterhin rund um die Uhr auf Straßenniveau zu bewundern.
FAQ
Wer hat die Corpus Clock entworfen und enthüllt?
Die Uhr wurde von dem Erfinder Dr. John C. Taylor OBE erdacht, entworfen und finanziert. Für die Konstruktion zeichnete Huxley Bertram verantwortlich, die Skulptur schuf Matthew Sanderson. Am 19. September 2008 wurde sie von Physiker Professor Stephen Hawking feierlich der Öffentlichkeit übergeben.
Warum geht die Corpus Clock unregelmäßig?
Das Uhrwerk ist so konstruiert, dass es nur alle fünf Minuten mathematisch präzise geht. Dazwischen verlangsamt sich der Mechanismus ganz bewusst, stockt oder beschleunigt, um widerzuspiegeln, wie subjektiv wir Menschen das Vergehen der Zeit empfinden.
Wie wurde das goldene Zifferblatt der Uhr hergestellt?
Das 1,5 Meter große, gewellte Edelstahlblatt entstand durch Sprengumformung. In einer niederländischen Militärversuchsanstalt pressten Unterwasserdetonationen den Stahl in eine Form, bevor er mit 24-karätigem Gold überzogen wurde.




