
Radcliffe Camera: Oxfords historische Kuppelbibliothek
Das architektonische Herz von Oxford
Mitten auf dem Radcliffe Square ragt die Radcliffe Camera empor, eines der unverkennbarsten Wahrzeichen der Universität Oxford. Eingerahmt von den alten Steinmauern des Brasenose College, All Souls College, der Bodleian Old Library und der Universitätskirche St Mary the Virgin, bildet die klassizistische Rotunde das Herzstück der historischen Achse zwischen High Street und Broad Street. Ringsum sind die Pflastersteine in konzentrischen Kreisen verlegt, eine spürbare Textur, die jeden Schritt über die offene Fläche weithin hörbar hallen lässt.
Als Großbritanniens erste eigens als Rundbau konzipierte Bibliothek in Auftrag gegeben, verdankt das Bauwerk seine Existenz einem Erbe von 40.000 Pfund aus dem Nachlass von Dr. John Radcliffe, Oxford-Absolvent und Leibarzt von König Wilhelm III. und Königin Anne. Nach Radcliffes Tod im Jahr 1714 sichteten die Nachlassverwalter über zwei Jahrzehnte lang Entwürfe prominenter Köpfe wie Sir Christopher Wren, Sir John Vanbrugh und Nicholas Hawksmoor. Hawksmoor zeichnete detaillierte Pläne und baute vor seinem Tod 1736 sogar noch ein Holzmodell, ehe der schottische Architekt James Gibbs das Ruder übernahm.




Oxford-Rundgang mit Audioguide und Quiz: Stadt, Talar und Wren
2 Stunden10 StationenAudioguideStarte an jedem Tag, in deinem TempoTicket auf dem Handy · 30 Tage RückerstattungKlassischer Entwurf und ein genialer Kompromiss
Erbaut zwischen 1737 und 1748, öffnete die Radcliffe Camera am 13. April 1749 offiziell ihre Pforten. Gibbs verschmolz englischen Palladianismus mit römischem Barock und gliederte die Bibliothek in eine dreistufige Rotunde. Ihr Fundament bildet ein rustiziertes Sockelgeschoss aus Kalkstein, das einen oberen Tambour trägt, der von korinthischen Säulenpaaren und Pilastern eingerahmt wird. Der honigfarbene Kalkstein aus Headington und Taynton setzt sich dabei markant von dem dunkel patinierten Blei der Kuppel ab.
Auch wenn die monumentale Kuppel von innen wie außen nach schwerem Naturstein aussieht, ist sie in Wahrheit eine meisterhafte Illusion der Ingenieurskunst. Gibbs schwebte anfangs tatsächlich eine echte Steinkuppel vor. Doch statische Probleme während des Baus zwangen die Steinmetze dazu, das bereits gesetzte Mauerwerk wieder abzutragen. 1743 wich der Entwurf einer Holzkonstruktion, außen mit Bleiplatten beschlagen, innen mit kunstvollem Stuck veredelt und gekrönt von einer steinernen Laterne.
Umbauten im 19. Jahrhundert
Ursprünglich die Heimat der eigenständigen Radcliffe Library, veränderten sich die Schwerpunkte der Sammlungen mit der Zeit. 1861 zogen die naturwissenschaftlichen Bestände in die neu errichtete Radcliffe Science Library um. Zwischen 1862 und 1863 wurde das Gebäude schließlich als zusätzlicher Lesesaal offiziell in den Verbund der Bodleian Libraries eingegliedert.
Dieser Verwaltungsschritt zog tiefgreifende bauliche Eingriffe nach sich. Das Erdgeschoss, anfangs eine offene, nur durch Eisengitter gesicherte Arkade, wurde 1863 verglast. Etwa zur selben Zeit meißelte man an der Nordseite ein neues Portal in den Stein und funktionierte ein rundes Fenster zum Haupteingang um. Ein weiterer spürbarer Einschnitt folgte 1936: Man demontierte die verzierten Eisengitter, die seit 1827 um den Fuß der Rotunde gestanden hatten, damit Fußgänger wieder ungehindert über den Radcliffe Square flanieren konnten.
Moderne Lesesäle und unterirdische Gänge
Heute dient die Radcliffe Camera als reine Präsenzbibliothek im Verbund der Bodleian Libraries. In ihren oberen und unteren Lesesälen ist die History Lending Collection untergebracht. In der Upper Camera wacht zudem eine gut 1,80 Meter hohe Marmorstatue von Dr. John Radcliffe über die Lesenden, gemeißelt von dem flämischen Bildhauer John Michael Rysbrack.
Direkt unter dem Rasen und dem Kopfsteinpflaster des Radcliffe Square verbirgt sich der Gladstone Link. Dieser zweistöckige unterirdische Magazin- und Lesebereich verbindet die Radcliffe Camera unter Tage mit der Bodleian Old Library. So entstand Raum für Hunderttausende Bücher, ohne den ehrwürdigen Universitätshof an der Oberfläche anzutasten.
FAQ
Ist die Radcliffe Camera für die Öffentlichkeit zugänglich?
Der Zugang zu den Lesesälen ist Studierenden der Universität Oxford und Inhabern eines Bodleian-Leserausweises vorbehalten. Reguläre Besucher können das Innere nur im Rahmen gebuchter, kostenpflichtiger Führungen der Bodleian Libraries besichtigen.
Ist die Kuppel der Radcliffe Camera aus Stein?
Nein. Auch wenn sie von innen wie außen nach schwerem Mauerwerk aussieht, besteht die Kuppel aus einer Holzkonstruktion, die außen mit Blei verkleidet und innen mit Zierstuck veredelt ist. Der Architekt James Gibbs änderte den Entwurf 1743 aus statischen Bedenken von Stein auf Holz.
Was verbirgt sich unter dem Radcliffe Square?
Unter dem Platz liegt der Gladstone Link, ein zweistöckiges unterirdisches Büchermagazin mit Arbeitsplätzen, das die Radcliffe Camera unterirdisch mit der Bodleian Old Library verbindet.
