
Sheldonian Theatre: Wrens Wahrzeichen in Oxford
Das Sheldonian Theatre an der Broad Street im Herzen von Oxford gilt als erstes großes architektonisches Meisterwerk von Sir Christopher Wren. Erbaut zwischen 1664 und 1668 und im Juli 1669 feierlich eröffnet, markiert der denkmalgeschützte Barockbau einen Wendepunkt in der Stadtentwicklung Oxfords: weg von den traditionell nach innen gekehrten gotischen Innenhöfen, hin zu einer offenen, klassischen Bürgerarchitektur.
Ursprung und Zweck
Vor der Fertigstellung des Sheldonian fanden die offiziellen Zeremonien der Universität Oxford, darunter Immatrikulationen, lateinische Graduierungen und das berüchtigte jährliche Spektakel namens „The Act“, in der geweihten Universitätskirche St Mary the Virgin statt. Mit der Zeit ging den Universitätsherren der derbe Humor studentischer Redner jedoch gehörig gegen den Strich. Vor allem der satirische Spottredner Terrae Filius („Sohn der Erde“) trieb es für ein Gotteshaus schlicht zu bunt. Um diese weltlichen Umtriebe aus der Kirche zu verbannen, stiftete Gilbert Sheldon, damals Leiter des All Souls College und später Erzbischof von Canterbury sowie Kanzler der Universität, ein eigenes Theater und finanzierte den Bau aus eigener Tasche für mehr als 14.000 Pfund.
Um das Grundstück 1664 überhaupt freizuräumen, ließ die Universität die Wohnhäuser von sieben Witwen abreißen. Als Entschädigung verpflichtete sie sich zu einer ewigen jährlichen Rente von 14 Pfund, zahlbar in zwei Raten von je 7 Pfund. Dieses kuriose Abkommen überdauerte tatsächlich bis ins 21. Jahrhundert und brachte die Universität beinahe um ihr Grundstück, als die Überweisungen zwischenzeitlich schlicht vergessen wurden.




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Als Wren den Auftrag erhielt, lehrte er in Oxford eigentlich als Savilian Professor für Astronomie. Für die D-förmige Grundform des Theaters ließ er sich von Stichen des antiken römischen Marcellustheaters inspirieren, die Sebastiano Serlio im 16. Jahrhundert angefertigt hatte. Ein antikes Freilufttheater an das unberechenbare englische Wetter anzupassen, war allerdings eine echte ingenieurtechnische Herausforderung: Ein geschlossenes Dach musste her, tragende Säulen im Innenraum hätten jedoch die Sichtlinien der Zeremonien empfindlich gestört.
Wren löste das Dilemma mit kühler mathematischer Präzision: Er konstruierte ein freitragendes Holzdachwerk, das sich über mehr als 21 Meter quer durch den Saal spannt. Ein statisches Meisterstück, das ihm nicht nur in der Royal Society, sondern in der gesamten damaligen Fachwelt größte Bewunderung einbrachte.
Streaters barockes Deckengemälde
Direkt unter Wrens Dachstühlen spannt sich ein Deckengemälde aus 32 Holztafeln mit dem Titel Truth Descending upon the Arts and Sciences (Die Wahrheit steigt herab auf Kunst und Wissenschaft). Geschaffen wurde es von Robert Streater, dem Hofmaler von König Charles II. Die Tafeln wurden in Whitehall vollendet und 1669 per Lastkahn über den Fluss nach Oxford gebracht.
Das Gemälde nutzt raffinierte Trompe-l’œil-Perspektiven, um zu zeigen, wie die Wahrheit die Unwissenheit, den Neid und die Raubgier vertreibt. Gemalte Taue und geraffte karmesinrote Vorhänge rahmen die Himmelsszene ein, eine bewusste Nachbildung des Velariums, jenes Sonnensegels, das einst über römischen Arenen aufgespannt wurde.
Druckerpressen, Konzerte und die Hermen der Broad Street
Von seiner Eröffnung bis ins Jahr 1713 diente das Sheldonian zugleich als Hauptsitz der Oxford University Press. Im Keller ratterten die Druckerpressen, während im gewaltigen Dachstuhl Papier und frisch gedruckte Bücher lagerten. Neben akademischen Zeremonien und Buchdruck etablierte sich das Haus auch schnell als Bühne: 1733 dirigierte Georg Friedrich Händel hier höchstpersönlich die Uraufführung seines Oratoriums Athalia.
Draußen an der Broad Street wird die Umfassungsmauer von 17 bärtigen Steinbüsten gesäumt. Im Volksmund heißen die Hermen seit Langem schlicht „Kaiser“, ein Titel, den Max Beerbohm 1911 mit seinem satirischen Roman Zuleika Dobson berühmt machte. Archivquellen belegen allerdings, dass sie ursprünglich nur als neutrale antike Skulpturen gedacht waren. Die heutigen Köpfe sind bereits die dritte Generation: Der Bildhauer Michael Black schuf sie zwischen 1970 und 1972, um die zerfallenden viktorianischen Kopien zu ersetzen. Jene bröckelnden Büsten, vom Dichter John Betjeman einst als „mouldering busts“ bespöttelt, hatten ihrerseits William Byrds Originale aus den 1660er-Jahren abgelöst.
Das Theater heute: Zeremonien und Besuche
Bis heute ist das Sheldonian Theatre das zeremonielle Herz der Universität Oxford. Jeden Herbst finden hier die feierlichen Immatrikulationen statt, über das akademische Jahr verteilt die traditionell auf Latein abgehaltenen Abschlussfeiern und einmal im Jahr das Fest Encaenia, bei dem Ehrendoktorwürden verliehen werden. Zudem dient der Saal als Tagungsort der Congregation, dem Leitungsgremium aus akademischem und administrativem Universitätspersonal.
An Tagen ohne offizielle Universitätsfeiern oder geschlossene Gesellschaften steht das Theater Besuchern gegen Eintritt offen. Du kannst den klassischen, terrassenförmigen Saal erkunden, Streaters Deckengemälde bestaunen und über eine Treppe zur achteckigen Glaskuppel aufsteigen, von der aus sich ein grandioser Panoramablick über die Dächer Oxfords bietet.
FAQ
Warum wurde das Sheldonian Theatre gebaut?
Es sollte einen rein weltlichen Rahmen für die offiziellen Feiern der Universität Oxford schaffen. Zuvor fanden diese in der geweihten Universitätskirche St Mary the Virgin statt, wo die derben, satirischen Reden der Studenten den Universitätsaufsehern zunehmend unpassend für ein Gotteshaus erschienen.
Wer hat das Sheldonian Theatre entworfen?
Entworfen wurde es von Sir Christopher Wren, während er als Astronomieprofessor in Oxford lehrte. Das Theater war sein erster großer architektonischer Auftrag.
Was stellt das Deckengemälde im Sheldonian Theatre dar?
Das von Robert Streater geschaffene, 32-teilige Deckengemälde trägt den Titel „Truth Descending upon the Arts and Sciences“ (Die Wahrheit steigt herab auf Kunst und Wissenschaft). Es zeigt, wie die Wahrheit die Unwissenheit, den Neid und die Raubgier vertreibt, gerahmt von gemalten Tauen und Vorhängen, die einem römischen Sonnensegel nachempfunden sind.
Kann man das Sheldonian Theatre besichtigen?
Ja. An Tagen ohne Zeremonien ist das Theater für Besichtigungen geöffnet. Mit einem Ticket kannst du den Saal und die Kuppel auf eigene Faust erkunden. Zudem finden hier regelmäßig Konzerte und öffentliche Vorträge statt.

