
Augustinergasse: Zürichs historische mittelalterliche Gasse
Die Ursprünge der Augustinergasse
Die Augustinergasse ist eine 200 Meter lange mittelalterliche Gasse in der Zürcher Altstadt auf der linken Seite der Limmat, die ganz den Fußgängern gehört. Ihre Wurzeln reichen ins 13. Jahrhundert zurück: Ursprünglich eine Handwerkergasse, verband sie das mittelalterliche Kecinstürlin am Fröschengraben mit dem Münsterhof und der Kirche St. Peter. Damals lebten Schuhmacher, Töpfer und Schneider in den oberen Stockwerken der schmalen Häuser, direkt über ihren Werkstätten.
Ihren Namen verdankt die Gasse einem Augustinerkloster, das um 1270 hier gegründet wurde. Als die Schweizer Reformation unter Huldrych Zwingli Einzug hielt, wurde das Konvent 1525 kurzerhand aufgelöst und das Areal weltlichen Zwecken zugeführt. Die benachbarte Augustinerkirche überstand den Wandel und wurde in den 1870er-Jahren, nach theologischem Streit um das Erste Vatikanische Konzil, zum Pfarrsitz der Zürcher Christkatholiken.
Architektonisches Wettrüsten und prachtvolle Erker
Im 17. Jahrhundert wendete sich das Blatt grundlegend: Wohlhabende Textilhändler und Fabrikanten verdrängten die alte Handwerkerschaft. Dieser Geldsegen entfachte ein regelrechtes ästhetisches Wettrüsten unter den Nachbarn. Man übertrumpfte sich nach Kräften mit immer aufwendigeren Fassaden, Zierbemalungen und prunkvoll geschnitzten Holzerkern.
Diese Erker waren weit mehr als bloße Zierde, sie waren ein genialer Schachzug für Geldbeutel und Raumgewinn. Weil sie frei über der Gasse schwebten, vergrößerten sie den Wohnraum in den oberen Stockwerken, ohne die engen Durchgangsrechte der Straße zu verletzen oder zusätzliche Grundsteuern fällig werden zu lassen. Und noch einen cleveren Kniff bauten die Eigentümer ein: Sie ließen die Erker bewusst seitlich versetzt über den Eingangstüren anbringen. Durch diesen Winkel konnte man von oben unbemerkt herabspähen und erst einmal abchecken, wer da anklopft, bevor man sich bequemte, die Tür zu öffnen.
Heutiger Charakter und Denkmalschutz
Heute ist die Augustinergasse eine lebendige, rund um die Uhr autofreie Ader, die Zürichs Konsummeile an der Bahnhofstrasse mit dem historischen Lindenhofviertel, dem Münzplatz und der St. Peterhofstatt verbindet. Sanft schlängelt sich die Gasse zwischen Fassaden in Pastellrosa, Ocker, Tiefrot und Terrakotta hindurch, während sich die oberen Stockwerke über dem Kopfsteinpflaster leicht nach innen neigen.
Bis heute gehen hier Handel und Wohnalltag Hand in Hand. Im Erdgeschoss reihen sich unabhängige Boutiquen, Handwerksläden, Cafés und Restaurants aneinander, während darüber ganz normal gewohnt wird. Als Übergang zwischen der Bahnhofstrasse des 19. Jahrhunderts und dem mittelalterlichen Kern Zürichs hält die Augustinergasse eine faszinierende Zeitreise bereit, von den mittelalterlichen Handwerkerzünften bis zu den noblen Kaufmannshäusern der Frühindustrialisierung.
FAQ
Warum wurden die Erker in der Augustinergasse versetzt zu den Haustüren gebaut?
Die Erker wurden absichtlich leicht seitlich versetzt über den Eingangstüren angebracht, damit die Bewohner schräg nach unten spähen und ungesehen prüfen konnten, wer anklopft, bevor sie die Tür öffneten.
Wie halfen Erker den Hausbesitzern, Steuern zu sparen?
Durch die vorkragenden Erker ließ sich der Wohnraum in den oberen Stockwerken erweitern, ohne das Erdgeschoss auf die Straße hinaus auszubauen, wo strenge Durchgangsrechte galten und Grundsteuern fällig geworden wären.
Woher hat die Augustinergasse ihren Namen?
Die Gasse wurde nach einem Augustinerkloster benannt, das um 1270 dort gegründet wurde. Während der Schweizer Reformation unter Huldrych Zwingli wurde das Kloster 1525 säkularisiert.




